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1pp1 ist zum dritten Mal im Schwarzwald, und diesmal ist das Buch „an alle orte, die hinter uns liegen“ von sinthujan varatharajah dabei. varatharajahs Beschreibung des Schwarzwaldes als Holzlieferant für den Kolonialismus verändert unseren Blick auf den bekannten Wald. Aus den Schwarzwaldtannen wurden Schiffsrümpfe, Masten und Ruder. Die zu Schiffen verarbeiteten Wälder erreichten entfernte Naturen, die Tannen wurden zum Treibstoff der Unterdrückung und systematischen Ausbeutung.

In Baiersbronn an der Murg liegen einige noch heute erhaltenen Gebäude der Gebrüder Böhringer Glasfabrik. Wir kommen seit 2023 jedes Jahr zur Residenz ins Richardshäusle, es gibt familiäre Verbindungen unserer Gruppe mit Nachfahren der Familie Böhringer. Das Richardshäusle war das ehemalige Kontorshaus der Glasfabrik und ist Produktionsort von „Tonnenweise Tannenholz“. Im Haus befinden sich Fotos, Chroniken und Stammbäume zur Familiengeschichte, die den Aufstieg des Unternehmens durch die Erfindung der druckfesten Champagnerflasche mit Stülpboden dokumentieren. Im neu erschienenen Buch „Schwarzwaldglas – Zur Geschichte der Glashütte Buhlbach“ lesen wir ein bisher unerzähltes Kapitel: Johann Georg Böhringer (1711-1775) brachte es durch Handel mit Schwarzwaldholz zu Wohlstand. Er ließ Tannen aus dem Nordschwarzwald über den Rhein bis nach Holland flößen. Mit diesem Reichtum ersteigerte er 1780 gemeinsam mit Franz K. Klumpp die 1758 gegründete Glasfabrik.

Am Kachelofen liest uns Hauke Heumann das Märchen „Das kalte Herz“ des schwäbischen Schriftstellers Wilhelm Hauff vor. Es beginnt mit einer Beschreibung der Schwarzwaldflößer, die weit den Rhein hinab bekannt waren und ihr Holz verkauften, und von denen es heißt „ihre stärksten und längsten Balken aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers, welche Schiffe daraus bauen“. Ein besonders umtriebiger Geschäftsmann ist der sogenannte „Holländermichel“. In der Familie Böhringer wurde erzählt, dass Wilhelm Hauff, zwischen 1817 und 1820 ein gern gesehener Gast der Familie, Johann Georg Böhringer zum Vorbild für den riesigen Waldgeist „Holländermichel“ nahm.

So schließt sich der Kreis, über die Beschreibungen der Kolonialverbrechen des*der tamilischen Autors*in varatharajah, über schwäbische Märchen und eine historische Glasfabrik, zur Familien- und Gruppengeschichte. Die Suche nach dem post-kolonialen Erbe des Schwarzwaldes führt zurück zu uns selbst. Wir sitzen am Küchentisch buchstäblich im Epizentrum der Schwarzwälder Kolonialgeschichte.

Mit in die Residenz ist das vierzig Meter lange Partitur-Kostüm von Sichi Li gereist – ein weiter Weg von der Performance „Bao Hau Si“ im Bauhaus-Archiv Berlin bis in den Schwarzwald. Im Film nimmt es verschiedene Zustände ein, es hängt wie ein Segel am Baum, verhüllt gefällte Baumstämme, bedeckt eine Böschung voller Bäche und schwimmt in der Murg. Das Tuch wurde im Sommer 2025 in Jingdezhen, der Porzellanhauptstadt Chinas, hergestellt. Im 17. Jahrhundert wurden Schiffe aus Schwarzwaldholz nach China, nach Jingdezhen, geschickt, um von dort Porzellan nach Europa zu bringen. Das Tuch bewegt sich in umgekehrter Richtung, zurück zum Ursprung der materiellen Grundlage des Kolonialismus. Die beiden Materialien Tannenholz und Tuch von zwei Enden der kolonialen Handelsroute treffen wieder aufeinander – die Einbahnstraße kehrt sich um. Dazu entstehen im Wohnzimmerstudio die thematisch anknüpfenden Songs „Austritt des Schwarzwalds“ und „Durchbrennen“ als Filmmusik von „Tonnenweise Tannenholz“.

Wir leben gleichzeitig im Heute und in einer unsichtbaren Vergangenheit. Das Buch von varatharajah hat den Reißverschluss des Schwarzwaldes geöffnet. Der Wind wirbelt durch die Fichten und formt Wellen wie ein schwarzes Meer, und dazwischen steht die 200 Jahre alte Großmutter-Tanne wie ein lebendiger Mast. >Lotte Dohmen · Hauke Heumann · Knut Klaßen · Sichi Li