Die gemeinsame Zeit in Düsseldorf 2021/22 gehört zu den 1pp1 Ursuppen. Zum 150. Jahrestag der Pariser Commune veranstaltete das FFT Düsseldorf das Festival „Place Internationale“, das 72 Tage dauern sollte, genauso lange wie die historische Commune anhielt. Dazu waren einige von uns über die Gruppe Gintersdorfer/Klaßen eingeladen, gemeinsam mit Recht auf Stadt Initiativen, Bildenden Künstler:innen, Historikern und anderen Gruppen vor Ort Zeit zu verbringen und zur Commune zu arbeiten. Es bestanden bereits zuvor teils langjährige Arbeitserfahrungen miteinander, was die Zeit aber besonders machte, waren eigentlich unvorhergesehene Umstände, auf die reagiert werden musste: Das Theater war zum Zeitpunkt des Festivals noch eine nicht bespielbare Baustelle und die Regie unser Gruppe fiel aus. So fanden wir uns in einer ehemaligen Autowerkstatt in Flingern Süd zusammen, und es mussten neue gruppigere Formen gefunden werden, performatives Material zu entwickeln und gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Der 2025 verstorbene Stadtsoziologe Klaus Ronneberger gab uns Einblicke in die historischen Abläufe der Commune, wir nahmen am Übersetzungsworkshop zum Commune-Buch von Henri Lefebvre von Moritz Hannemann, Laura Strack und Klaus teil. Wir verfolgten als Gruppe die Strategie, „Commune als Praxis ernst zu nehmen“ und Wert zu legen auf gemeinsames Kochen und Feiern, unvorhergesehene Zusammenarbeiten mit anderen Gruppen vor Ort anzuzetteln, Feedbackrunden am Lagerfeuer zu veranstalten und Debatten über den geteilten Raum zu führen mit denen, die da sind. Das lief nicht immer konfliktfrei ab, und es kam zu Reibungspunkten mit anderen Projektbeteiligten, die sich vor allem für die Pariser Commune als historisches Ereignis interessierten und ihre Körper nicht „in unvoreingenommener, verschwenderischer, vielleicht auch hedonistischer Weise in die Waagschale werfen“ wollten, wie Ted es in seinem Manifest für die gemeinsame Zeit forderte. Wir entdeckten den Spaß daran, uns lustvoll in diese Aushandlung hineinzuwerfen: die Beweglichkeit des Provisoriums, der noch nicht funktionierende Theaterapperat, das beengte Zusammenkommen in nur einem einzigen geteilten Raum ohne Türen, die sich verschließen ließen, waren für uns ein großes Glück. Im ersten Teil (September 2021) des Projektzeitraums wichen wir oft auf den Stadtraum als Bühne für kleinere performative Interventionen aus, spielten auf dem Worringer Platz oder im Parkhaus, drehten Filmszenen auf der Raketenstation und auf dem Bertha-von-Suttner Platz, in denen wir die Projektlogik reflektierten, und es entstanden erste Songskizzen für die spätere Shows. Der zweite Teil des Festivals (Mai 2022) konnte dann im fertigen FFT am Hauptbahnhof stattfinden. Wir versuchten in dem Gebäude mit vielen Türen und funktionierendem Theaterapparat, den Anspruch einer kommunalen Praxis aufrechtzuerhalten, indem wir alle Projektbeteiligten in unser Tonstudio einluden, um mit uns Songs aufzunehmen. So entstanden unvorhergesehene Zusammenarbeiten mit Claudia Bosse, den Prolo-Lesben/Working Class Daughters, den Sliders, dem Dramaturgen Moritz Hannemann, den Tontechnikern Frank, Didi und Gerd, Alicia Nsukami, Mable Preach und weiteren. An drei Aufführungstagen performten wir die Songs in einer kommunalen Roadshow, zwei davon im Innenraum des Theaters und eine draußen auf dem Vorplatz des Lidls. Die Songs werden als Ursuppe auf unserem neuen 1pp1 Label digital erscheinen. >Lotte Dohmen
Companieras und Companieros, da uns die Stille um das Communeprojekt etwas nervös macht, hier ein paar Gedanken von denen wir hoffen, dass ihr sie teilt. Oder, falls nicht, dass ihr sagt wie eure Vorstellungen aussehen. Zuerst, wir denken die Sache sollte Spass machen. Wir sollten das Wort Commune ernst nehmen. Vielleicht auch im Sinne der Idee einer temporären Kommune. In Projektlogiken über vergangene Utopien zu reflektieren und dann nach Feierabend in separierte Zuhauses zu gehen ist ja der Normalfall im akademischen Betrieb oder in Theater und Performance-Zusammenhängen. Wir glauben, um der Commune in irgendeiner Weise nahe zu kommen sollten wir unsere Körper in unvoreingenommener, verschwenderischer, vielleicht auch hedonistischer Weise in die Waagschale werfen (auch wenn viele dieser Körper nicht mehr die allerjüngsten sind und eventuell als etwas eingerostet empfunden werden). Was könnte Kommunität sein? Zum Beispiel: Gemeinsames Denken, gemeinsames Essen, vorbehaltloses Abhängen. Spontanes situatives Zusammenkommen der verschiedenen Disziplinen. Musikmachen, sich Musik vorspielen und tanzen. Das Entstehende nach aussen, auf Bühnen oder den Stadtraum tragen. Ausserdem und vor allem: da es 1871, wenn wir es richtig verstanden haben, um Selbstermächtigung und Selbstorganisation ging, lasst uns unseren in verschiedener Hinsicht limitierten Zirkel öffnen und um Leute erweitern, die eventuell ohne je von der Pariser Commune gehört zu haben genau das machen worum es damals ging: sich Empowern und alternative Formen des Sozialen leben. Aus diesen neuen temporären Gemeinschaften sollte sich das Projekt entwickeln. >Ted Gaier
Gintersdorfer/Klaßen La Commune Place Internationale, FFT Düsseldorf, Videodreh 22.9. – 24.09.2021 >Lotte Dohmen · Hauke Heumann >>Kamera Knut Klaßen. Primordial Soup sind einzelne Zusammenarbeiten der später an 1pp1 Beteiligten, die für die Gruppe eine prägende Wirkung haben.